Der Oger - Handbuch über die Suche nach Schuldigen
Eine Katastrophe ist wirklich. Doch stimmt auch das Bild vom Täter? „Der Oger“ verfolgt historische Fälle falscher Schuldzuweisung – von Pest und Inquisition bis Terror, NSU und künstlich erzeugten Belegen im Jahr 2026.
Keine gerade Linie durch die Geschichte
Die folgenden Beispiele bilden keine ununterbrochene Entwicklung. Der Sündenbock der Bibel ist kein Vorläufer eines modernen Gerichtsverfahrens, die Inquisition war kein früher Geheimdienst, und eine Zeitung des 19. Jahrhunderts arbeitet nicht wie ein heutiges Netz, in dem Beiträge automatisch ausgewählt und verbreitet werden.
Verglichen werden deshalb keine gleichen Einrichtungen. Untersucht werden ähnliche Vorgänge bei der Suche nach Schuld: die Verschiebung von Verantwortung, die Suche nach einem bereits bekannten Feind, die Ausweitung einer einzelnen Tat auf eine ganze Gruppe, Aussagen unter Druck, das Festhalten einer Behörde an einem früheren Urteil oder die Wirkung häufig wiederholter Behauptungen.
Die Unterschiede zwischen den Zeiten bleiben dabei erhalten. Wer im 14. Jahrhundert eine Seuche erklärte, verfügte über anderes Wissen als ein Arzt oder Ermittler des 21. Jahrhunderts. Wer 1692 in Salem von Hexerei sprach, lebte in einer anderen Welt von Recht, Religion und Erfahrung als ein heutiges Gericht. Auch die technischen Mittel, mit denen eine Behauptung verbreitet oder geprüft werden konnte, änderten sich grundlegend.
Der Vergleich richtet sich deshalb auf etwas anderes: darauf, wie Menschen unter sehr verschiedenen Bedingungen mit Unsicherheit, Angst und Schuld umgegangen sind. Ähnlichkeit ersetzt keine geschichtliche Verbindung. Sie kann aber einen Vorgang sichtbar machen, der innerhalb seiner jeweiligen Zeit anders aussah und dennoch eine verwandte Frage aufwarf.
Inhaltsverzeichnis Der Oger - Handbuch über die Suche nach Schuldigen
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