Das System und sein eigener Zweifel - Wo wird es für dich unsicher?

„System / Segmentfeld IV – Monochrom“ wirkt auf den ersten Blick reduziert – Schwarz, Weiß, Grautöne, klar gesetzt. Ein segmentierter Kreis trifft auf Raster, Linien und Flächen, die Ordnung versprechen. Doch je länger man hinschaut, desto mehr gerät diese Klarheit ins Wanken. Das Bild beginnt sich zu verschieben. Stabilität wirkt plötzlich fragil, Struktur nicht mehr eindeutig. Es entsteht ein Zustand dazwischen – ein System, das funktioniert und sich gleichzeitig selbst infrage stellt.

Apr 21, 2026 - 18:38
Apr 21, 2026 - 18:58
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Das System und sein eigener Zweifel - Wo wird es für dich unsicher?
Geometrische Konstruktion am Ateliertisch: Wenn Kreise auf Raster treffen

Wir stehen davor, und diesmal sage ich wirklich erst mal nichts.
Nicht aus Strategie – eher, weil ich selbst kurz schauen muss, wo ich anfange.
Das Bild redet schon.
Oder besser: Es stellt Fragen, bevor ich überhaupt dazu komme.

Du siehst ja – ich habe reingeschrieben. Direkt ins Motiv.
Das mache ich sonst nicht. Fühlt sich fast wie ein Eingriff an, fast wie eine Grenzüberschreitung.
Aber hier… hatte ich irgendwann das Gefühl, dass das Weglassen der Fragen unehrlicher wäre als ihr Sichtbarmachen.

Ich zeige nach oben links, halte aber kurz inne, als müsste ich selbst nochmal prüfen.
„Teilung?“
Diese Balken – die wirken im ersten Moment völlig klar.
Zu klar vielleicht.
Sauber getrennt, sauber gesetzt. Fast schon… brav.
Aber wenn du einen Moment länger draufbleibst, merkst du:
Die sind nicht einfach da. Die wurden entschieden.
Und ich weiß noch, wie ich sie verschoben habe – minimal, wirklich nur Millimeter – und plötzlich hat es sich komplett anders angefühlt.
Die Zwischenräume tragen fast mehr Spannung als die schwarzen Streifen selbst.
Und dann kippt die Frage:
Nicht mehr was sehe ich, sondern warum genau so – und warum fühlt sich eine andere Variante sofort falsch an?

Ich gehe ein Stück weiter runter, nicht ganz gerade, eher so leicht schräg, als würde ich dem Raster ausweichen.
„Hier… wieder: Teilung?“
Dieses quadratische Feld – das ist eigentlich der Versuch, Ordnung zu beweisen.
So nach dem Motto: Wenn alles gleich ist, dann stimmt es.
Tut es aber nicht ganz.
Und dieses kleine Fragezeichen da – das ist kein Gag.
Das sitzt genau an der Stelle, wo ich gemerkt habe:
Ich kann das System sauber bauen… aber ich glaube ihm selbst nicht ganz.
Kennst du das?
Wenn etwas perfekt funktioniert – und genau deshalb irgendwie tot wirkt?

Ich fahre mit der Hand durch die Luft, ohne das Papier zu berühren.
„Und dann der Kreis…“
Ich lache kurz, eher leise.
„Der war ein Problem.“
Weil er alles kaputt macht.
Oder zumindest so tut.
Er legt sich über alles drüber, ignoriert die Struktur, als hätte sie keine Autorität.
Und gleichzeitig ist er selbst nicht stabil.< Die rechte Hälfte – schwer, dicht, fast endgültig.< Die linke – als würde sie auseinanderdriften. Nicht dramatisch, eher schleichend.

Ich habe lange versucht, das „sauber“ zu lösen.
Hat nie funktioniert.
Deshalb sage ich inzwischen:  „Das ist keine Teilung. Das ist eher… ein Aushandeln.“
Und ehrlich gesagt: Ich bin mir nicht sicher, ob das abgeschlossen ist.

Wir gehen nach rechts.
Oder eher: Der Blick wird gezogen.
„Raster-Störung?“
Das Gitter im Hintergrund – das sollte Ruhe reinbringen.
War zumindest der Plan.
Aber wenn du länger hinschaust, fängt es an zu flimmern.
Nicht stark, aber genug, dass du es nicht mehr ignorieren kannst.
Und dann dieser große Kreis oben rechts –
der ist fast zu perfekt.
Zu ruhig.
Zu geschlossen.
Ich habe mich irgendwann gefragt, ob er das System stabilisiert –
oder ob er einfach nur so tut.
Darunter dieser kleinere Kreis.
Ich zeige darauf, aber nicht sofort. Eher so zögernd.
„Nicht vollständig stabil?“
Der ist… präzise. Fast technisch sauber.
Und genau deshalb passt er irgendwie nicht ganz rein.
Oder vielleicht ist genau das sein Job.
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht eindeutig.

Und dann unten rechts.
Da bleibe ich immer hängen.
„Gewicht… oder Leerstelle?“
Viele gehen da drüber weg.
Weil es ruhig wirkt.
Aber wenn du näher gehst, passiert etwas mit dieser Fläche.
Diese Punkte – die fangen an zu arbeiten. Ganz subtil.
Es ist keine Leere.
Aber auch kein klares Gewicht.
Eher so ein Dazwischen.
Ein Bereich, der sich nicht festlegen lässt.
„Durchlässiger?“ steht ja auch da.
Und genau das ist wahrscheinlich der ehrlichste Punkt im ganzen Bild.
Weil alles, was wir vorher so sauber trennen wollen –
Schwarz und Weiß, Ordnung und Störung, stabil und instabil –
hier plötzlich nicht mehr greift.

Ich trete einen Schritt zurück.
Diesmal bewusst.
„Eigentlich… ist nichts davon wirklich entschieden.“
Ich sage das und merke selbst, dass es sich nicht wie eine Ausrede anfühlt.
Eher wie eine Feststellung, die ich beim Arbeiten nicht umgehen konnte.
Der Kreis ist nicht eindeutig.
Das Raster auch nicht.
Selbst die Teilungen sind… eher Behauptungen als Fakten.
Und diese Fragen im Bild –
die habe ich nicht nachträglich draufgesetzt, um klüger zu wirken.
Die waren vorher da.
Nur sonst verschwinden sie im Prozess.
Hier wollte ich sie stehen lassen. Weil sie näher dran sind an dem, was wirklich passiert.

Ich schaue dann kurz vom Bild weg.
Zu dir.
„Wo wird es für dich unsicher?“
Nicht, weil ich eine richtige Antwort erwarte.
Sondern weil genau da – meistens – das Bild anfängt.

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