Neuerscheinung: „Der Tisch steht noch“ von Anselm Bonies

Drei Stimmen, ein Tisch und ein Satz an der Wand: In „Der Tisch steht noch“ verhandeln Martín, Yusuf und die Vorleserin die Begriffe Macht, Ordnung, Schutz und Assimilation. Von Toledo über Granada bis Berlin wird Geschichte nicht erklärt, sondern am Tisch geprüft. Eine dichte, literarische Erzählung über Erinnerung, Sprache und die Grenze zwischen freier Anverwandlung und erzwungenem Verschwinden.

Mai 7, 2026 - 12:11
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Neuerscheinung: „Der Tisch steht noch“ von Anselm Bonies

Drei Menschen. Ein Raum. Und ein Satz an der Wand, der alles verändert.

Wir freuen uns, die Veröffentlichung der Erzählung „Der Tisch steht noch“ von Anselm Bonies bekannt zu geben. Der Text entstand frei nach dem Kammerspiel „Die dritte Stimme“ und ist eine literarische Reflexion über Macht, Sprache, Erinnerung und die historische Bedingtheit von Begriffen wie Ordnung und Schutz.

Das Kammerspiel der Geschichte

Die Handlung spielt in einem kargen Raum um einen Tisch. An einer Tafel steht ein anfangs harmlos wirkender Satz:

„Macht nichts – muss nicht sein – tu, was dir gefällt.“

An diesem Tisch sitzen Martín, der für das Prinzip der Ordnung und der sicheren Institutionen steht, und Yusuf, der den Stolz auf das Gastrecht und den Schutzsuchenden vertritt.

Zwischen ihnen steht die Vorleserin. Sie belehrt nicht, sondern moderiert das Gespräch, indem sie kommentarlos aus historischen Dokumenten, Verträgen und Registern liest.

Von Toledo bis Berlin

Anhand dieser Dokumente führt die Vorleserin die Männer durch geschichtliche Epochen und Prüfkammern, in denen ihre großen Ideale auf die harte Realität prallen.

Toledo & Jerusalem: Vom Ideal der gemeinsamen Übersetzung bis zur bitteren Erkenntnis, dass das Wort „gemeint“ nicht ausreicht, wenn scheinbar heilige Absichten zu Gewalt gegen Nachbarn umschlagen.

Granada: Die existenzielle Wucht einer „Frist“, die durch ein Edikt Assimilation oder Vertreibung erzwingt.

Damaskus & Berlin: Die imperiale und bürokratische Gewalt der „sauberen Akte“, in der Menschen zu bloßen Vorgängen verkleinert werden.

Istanbul: Das „volle Register“ der Rettung, das Yusuf schmerzhaft aufzeigt, dass auch geöffnete Türen oft an die Bedingungen und Hierarchien des Gastgebers geknüpft sind.

Der Wendepunkt bei Brot und Salz

Der Kern der Erzählung offenbart sich, als die Vorleserin die staatlichen Akten beiseitelegt und ein kleines, privates Heft auf den Tisch legt. Zu Brot, Salz und einer Kerze gesellt sich eine ruhige Offenbarung:

„Ich bin Jüdin.“

Plötzlich verliert die Geschichte für Martín und Yusuf jede theoretische Distanz. Sie begreifen: Man kann nicht über abstrakte Begriffe sprechen, ohne die betroffenen Menschen an den Rändern der Geschichte zu sehen.

Am Ende korrigieren die drei Figuren den Satz an der Tafel. Sie erkennen, dass Wandel und Assimilation keine Freiheit besitzen, wenn eine Macht oder eine Frist danebensteht. An ihre Stelle tritt das Prinzip der freien Anverwandlung:

„Aufnehmen, ohne sich auszulöschen; bleiben, ohne sich zu verleugnen; gehen, ohne verloren zu sein.“

„Der Tisch steht noch“ ist ein leises, aber gewaltiges Buch. Es ist ein Werkraum, der uns lehrt, das Zögern und das Zuhören zu lernen, bevor wir den nächsten Satz sprechen.

Bibliografische Angaben zum Buch

Das Buch ist ab sofort erhältlich.

Titel: Der Tisch steht noch
Autor: Anselm Bonies
Format: Softcover
Bindung: DIN A5 hoch
Umfang: 100 Seiten
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3-565438-35-8
Verkaufspreis: 15,00 €

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