Der Oger - Handbuch über die Suche nach Schuldigen
Eine Katastrophe ist wirklich. Doch stimmt auch das Bild vom Täter? „Der Oger“ verfolgt historische Fälle falscher Schuldzuweisung – von Pest und Inquisition bis Terror, NSU und künstlich erzeugten Belegen im Jahr 2026.
Einführung
Eine Katastrophe geschieht, und fast im selben Augenblick beginnt die Suche nach einer Erklärung. Ein Gebäude ist zerstört, Menschen sind tot, eine Krankheit breitet sich aus, ein Geheimnis wurde verraten oder ein Flugzeug ist abgestürzt. Der Schaden ist sichtbar. Seine Ursache ist es nicht immer. Noch weniger muss feststehen, wer ihn verursacht hat.
Trotzdem drängt sich die Frage nach dem Täter rasch in den Vordergrund. Das ist verständlich. Wer einen Schaden sieht, will wissen, wodurch er entstanden ist und wer dafür verantwortlich war. Bei einem Unglück kann die Ursache genügen. Bei einem Verbrechen genügt sie nicht. Dann tritt zu der Frage nach dem Geschehen die Frage nach dem Urheber. Genau dort beginnt ein zweiter Vorgang, der vom Ereignis selbst getrennt werden muss.
Zwischen beiden liegt die Prüfung. Eine Spur kann auf etwas hinweisen und sich später als bedeutungslos erweisen. Ein Zeuge kann etwas gesehen haben und sich dennoch irren. Eine Aussage kann stimmen, nur teilweise richtig sein oder unter Druck zustande gekommen sein. Mehrere Zeitungen können dasselbe berichten und dabei auf eine einzige Meldung zurückgehen. Eine Behörde kann sorgfältig ermitteln und trotzdem einer falschen Annahme folgen. Seit Bilder, Stimmen und Filme künstlich erzeugt oder verändert werden können, muss manchmal sogar zuerst geklärt werden, ob ein scheinbarer Beleg überhaupt aus dem Geschehen stammt, das er zeigen soll.
Hier beginnt der eigentliche Gegenstand dieses Buches. Es geht um wirkliche Katastrophen und wirkliche Verbrechen, denen ein falscher Schuldiger beigegeben wurde. Die Zuschreibung konnte vollständig falsch sein oder aus einer Vermutung zu früh eine Gewissheit machen. In anderen Fällen war ein Teil des Zusammenhangs belegt, während die Verantwortung weiter ausgedehnt wurde, bis Menschen, Gruppen oder Staaten für etwas einstehen sollten, das ihnen in dieser Form nicht nachgewiesen werden konnte.
Die Geschichte kennt viele solcher Fälle. Während des Schwarzen Todes starben sehr viele Menschen an einer wirklichen Seuche, doch jüdische Gemeinden wurden zu Unrecht beschuldigt, Brunnen vergiftet zu haben. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts wurden militärische Geheimnisse tatsächlich verraten, Alfred Dreyfus war jedoch nicht der Verräter. Die polnischen Offiziere von Katyn wurden ermordet, während die sowjetische Führung Deutschland die Schuld zuschob. Nach dem Anschlag von Oklahoma City richteten sich erste Vermutungen gegen Täter aus dem Nahen Osten, bevor die Ermittlungen zu Timothy McVeigh führten. Beim NSU wurde lange im Umfeld der Opfer gesucht, obwohl die Täter aus der rechtsextremen Szene kamen. Nach dem Mord an drei Kindern in Southport im Jahr 2024 verbreitete sich im Netz ein erfundener Name, der einen muslimischen Asylbewerber zum Täter machte.
Keiner dieser Fälle erklärt den anderen. Sie gehören verschiedenen Zeiten an, entstanden unter unterschiedlichen politischen Verhältnissen und wurden mit den Mitteln ihrer jeweiligen Zeit untersucht. Ihre Verbindung liegt an einer anderen Stelle: Das Geschehen konnte bereits feststehen, während die Frage nach dem Täter noch offen war.
Gerade in diesem Abstand kann etwas entstehen, das sich unter sehr verschiedenen Bedingungen wiederfindet. Wo Wissen fehlt, bleibt die offene Stelle nicht immer offen. Menschen greifen auf das zurück, was ihnen bekannt erscheint, was sie für denkbar halten oder wovor sie sich ohnehin fürchten. Ein alter Verdacht kann dadurch schneller zur Hand sein als eine neue Spur.
Dahinter muss keine bewusste Lüge stehen. Ein Ermittler kann von einer falschen Annahme überzeugt sein, während sich ein Zeuge seiner Erinnerung sicher ist und sich dennoch täuscht. Auch eine Zeitung kann eine Meldung für glaubwürdig halten, weil sie bereits an anderer Stelle erscheint, und eine Behörde kann an einer frühen Erklärung festhalten, nachdem ein erheblicher Teil ihrer Arbeit darauf aufgebaut wurde. Erst wenn solche Vorgänge voneinander getrennt werden, lässt sich erkennen, an welcher Stelle aus einer Möglichkeit eine Gewissheit wurde, ohne dass der dafür nötige Beleg hinzugekommen war.
Inhaltsverzeichnis Der Oger - Handbuch über die Suche nach Schuldigen
Was ist Ihre Reaktion?
Gefällt mir
0
Gefällt mir nicht
0
Liebe
0
Lustig
0
Wütend
0
Traurig
0
Wow
0


