Der Oger - Handbuch über die Suche nach Schuldigen
Eine Katastrophe ist wirklich. Doch stimmt auch das Bild vom Täter? „Der Oger“ verfolgt historische Fälle falscher Schuldzuweisung – von Pest und Inquisition bis Terror, NSU und künstlich erzeugten Belegen im Jahr 2026.
Der Oger
Der Oger hat kein festes Gesicht. Er ist keine bestimmte Religion, kein Volk und keine politische Richtung. Er ist das Bild des Schuldigen, das schon vorhanden ist, wenn die Suche nach dem wirklichen Täter erst beginnt.
Sein Gesicht verändert sich mit der Zeit. Es konnte das Gesicht des Ketzers oder der Hexe tragen, später das des Juden, des Spions oder des Kommunisten. In anderen Zeiten wurden Islamisten, Rechtsextremisten, Migranten oder fremde Staaten zu den erwarteten Tätern. Das bedeutet nicht, dass Angehörige solcher Gruppen keine Täter sein können. Ihre Zugehörigkeit ersetzt lediglich nicht den Nachweis einer bestimmten Tat.
Der Oger entsteht dort, wo diese Grenze verloren geht. Ein wirkliches Unglück trifft auf eine bereits vorhandene Vorstellung vom möglichen Schuldigen, und von diesem Augenblick an kann sich die Richtung der Suche verändern. Dann wird nicht mehr zuerst gefragt, wohin die Spuren führen, sondern welche Spuren zu dem Täter passen, den man bereits erwartet.
Dafür braucht es keine vollständig erfundene Geschichte. Oft genügt eine Verbindung aus wirklichem Schaden, vorhandener Angst und einer zu frühen Erklärung. Ein bekanntes Feindbild kann so stark werden, dass selbst entlastende Hinweise nur noch als weiteres Zeichen der Heimlichkeit gelesen werden.
Darin liegt der Grund für den Titel. Der Oger ist keine Gestalt, die hinter jeder Katastrophe verborgen wäre. Er wird dort sichtbar, wo ein offener Verdacht bereits ein Gesicht bekommen hat.
Inhaltsverzeichnis Der Oger - Handbuch über die Suche nach Schuldigen
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